Bericht über die Inspektionsreise 2003 nach Piéla

Teilnehmer: Dagmar Ohlert, Werner Ohlerth und Christian Hens

 

 

Am ersten Februartag fliegen Dagmar, Werner und ich von der Partnerschaft Piéla – Bad Münstereifel aus dem schneebedeckten Deutschland in das westafrikanische Land Burkina Faso. Der Zwischenstopp in Paris verlängert sich aufgrund eines Schneesturms um über vier Stunden, so dass sich die Flugreise in die burkinische Hauptstadt Quagadougou auf insgesamt elf Stunden ausdehnt. 

Die 1993 gegründete Partnerschaft ist bestrebt Hilfe zur Selbsthilfe in der Gemeinde Piéla im Entwicklungsland Burkina Faso zu leisten. Seit der Gründung wurden Projekte im Gesamtwert von über 600 T€ realisiert. Mit diesem Geld wurden 26 Trinkwasserbrunnen, 1 Mädchenwohnheim und 1 Hirsespeicher gebaut. Der Bau von Schulen, Kindergärten, Regenrückhaltebecken, Krankenstationen und Kapellen wurde von der Partnerschaft geleistet bzw. gefördert, die mittlerweile auch über 60 Patenschaften zwischen Patenkinder in der Gemeinde Piéla und Privatpersonen in Deutschland betreut.  

Alle zwei Jahre besucht eine Abordnung der Partnerschaft auf eigene Kosten die Gemeinde Piéla in Burkina Faso, um alle Patenkinder zu besuchen, finanzierte Projekte zu besichtigen und künftige Projekte vor Ort zu planen. Bei unserem diesjährigen Besuch haben wir zudem auch alle 26 gebohrten Trinkwasserbrunnen auf deren Wasserqualität untersucht. 

Unsere Landeseinreise am Flughafen von Quagadougou ist völlig unproblematisch. Empfangen werden wir zuerst von Cesar, Grundschullehrer aus Piéla und unser ständiger Begleiter und Dolmetscher für die nächsten vier Wochen. Neben Cesar sind noch weitere fünf Personen und Freunde der Partnerschaft am Flughafen, die uns sehr herzlich begrüßen. Mit unseren zwei Gepäckwagen  – voll beladen mit sechs Koffern und drei Handgepäcke –  verlassen wir dann den Flughafen und fahren in die Innenstadt.

Die erste Nacht in Burkina Faso verbringen wir in der Station „Radio Maria“. Nach nur drei Stunden Schlaf besuchen wir das Waisenheim „AMPO“ und fahren anschließend in die deutsche Botschaft, wo uns der Legstationsrat 1. Klasse empfängt. Nach einem halbstündigen Informationsaustausch verlassen wir die Botschaft und kaufen unsere Vorräte im Supermarkt und bei Straßenhändler ein. Spät abends treffen wir in Piéla ein, wo wir herzlich von Hunderten Menschen und viel Trommelmusik empfangen werden. Die offizielle Begrüßung wird vom Pastor der Gemeinde in der Kirche gegeben. Werner, Dagmar, Cesar und ich sitzen vor dem Altar den neugierigen Kindern und Erwachsenen von Piéla zugewandt. Nach einigen Begrüßungsworten wird uns der traditionelle milchige Willkommenstrunk serviert, bevor eine achtköpfige kostümierte Mädchentanzgruppe  – unterstützt mit Trommelmusik –  loslegt. Anschließend begeben wir uns zu Cesars Haus, indem wir die nächsten vier Wochen wohnen werden. Völlig erschöpft legen wir uns nach diesem anstrengenden Tag schlafen. 

Am nächsten Morgen haben sich bereits viele Kinder um unser Haus versammelt. Was heute erstmalig beginnt, wiederholt sich vier Wochen lang täglich. Werner, der bereits zum 5. Mal in Piéla ist und die Partnerschaft gründete, behandelt und verbindet offene Wunden bei den Kindern; Dagmar kleidet Kinder, die oftmals nur noch Fetzen tragen, neu ein. Wir haben Hunderte von Kleidungsstücken, mehr als 200 Verbände und unzählige Medikamente und Medizin dabei. Doch leider sollen diese Mengen für unseren Aufenthalt nicht ausreichen.  

In den ersten Tagen unseres Arbeitsbesuches erhalten wir viele Einladungen, denen wir gerne nachkommen. Beim Repräsentanten der Gemeinde sind wir zu Besuch, der Bürgermeister (Präfekt), die Ordensschwestern Soeurs de Rille aus Piéla und auch das ortsansässige Parlamentsmitglied Aimé Prosper Bangou laden jeweils zum Essen ein. Fast immer gibt es Huhn zu essen, Huhn essen wir immer wieder und oftmals auch sehr spät zu Hause bei Cesar, welches Werner hervorragend und reichlich zubereitet. Deshalb ist es auch kaum verwunderlich, dass wir alle ca. 2-4 Kg zulegen, was einzig unserem Koch Werner gleich ist, wohl auch weil es bei ihm kaum ins Gewicht fällt.  

Die Partnerschaftsgemeinde Piéla hat eine Fläche von 8.400 km². Das entspricht der siebenfachen Fläche des Kreises Euskirchen. In etlichen Tagestouren bereisen wir viele Gemeindeteile, um Patenkinder zu besuchen und erbaute Trinkwasserbrunnen auf deren Wasserqualität zu untersuchen. Die Wasseruntersuchungen mittels den aus Deutschland mitgebrachten Nährböden und Teststäben lassen sich problemlos durchführen. Leider müssen wir feststellen, dass knapp die Hälfte der Trinkwasserbrunnen nicht frei von mikrobiologischer Belastung ist. In Deutschland werden wir die bislang vorhandenen Daten und Parameterwerte und die gewonnenen Testergebnisse analysieren, um mögliche Ursachen ausfindig zu machen. Positiv bleibt jedoch festzuhalten, dass im Vergleich zu vergangenen Untersuchungsreihen die Wasserqualität sich verbessert hat. Während ich meine Untersuchungen am Brunnen durchführe, verschenken Werner und Dagmar kleine Spielsachen, manchmal Kleidungsstücke und vor allem Luftballons. Es ist immer wieder erstaunlich und bemerkenswert, wie sehr sich die Kinder über einen aufgeblasenen Luftballon freuen können.   

Bei unseren Besuchen in den Dörfern ist der Empfang oftmals mit Trommelmusik, Tanz, Trunk, Essen begleitet und mit vielen, vielen neugierigen Gesichtern. Jedes Mal erhalten wir von den besuchten Familien Geschenke (meistens Hühner), selbst dann, wenn die Familien sehr arm und Hühner für sie sehr wertvoll sind.

Die Fahrten mit unserem Toyota Pickup sind oftmals sehr abenteuerlich, weil die Wege vielfach nicht vorhanden oder nicht erkennbar sind. Auf unseren „Freiluftsitzplätzen“  auf der Ladefläche genießen wir das weite ebene Land und fahren an Sträuchern, Bäumen und ausgetrockneten Flussbetten vorbei oder hindurch zum nächsten Dorf.

Manchmal finden wir jemanden, der einen Weg kennt und mit dem Fahrrad voraus fährt. Abgelegene Dörfer werden mit dem Moped nur selten und mit dem Auto anscheinend nur alle zwei Jahre  – nämlich von der Partnerschaft –  erreicht. Wenn wir unterwegs sind wenden sich Kinder und Erwachsene uns zu und winken freundlich und grüßen von Weitem. Kleine Kinder laufen jedoch manchmal angstvoll davon oder verbergen sich hinter ihren großen Geschwistern. Zu ungewohnt ist für einige der Eindruck einer rollenden Blechkarosse im unwegsamen Gelände. 

Beeindruckt und fasziniert sind wir vom westafrikanischen Land Burkina Faso und vor allem von den Menschen hier. Das Land, weit und eben, wirkt mit seinem roten Sand wie ein endlos großer Tennisplatz, wo vereinzelt Bäume, Sträucher und Gräser wachsen. Die Natur ist bestechend schön und für mich neuartig. Erstaunliche Baumarten, uralte Bäume, knallbunte Vögel, vereinzelte Steinhügel, die rote Erde und die Sonnenauf- und Sonnenuntergänge machen dieses Land und die Natur so absolut erlebenswert. Und die Burkiner wissen auch  diesen „Reichtum“ zu schätzen. Brennholz ist sehr begehrt und essentiell, es wird aber nicht aus gefällten Bäumen erzeugt, sondern nur aus abgestorbenen und aufgesammelten Holz. Die Familien sind im Umgang mit dem Brennholz sehr sparsam. Großzügig dagegen sind die Menschen in punkto Freundlichkeit. Sehr interessant ist, das fast jeder, der uns begegnet winkt und grüßt. Auf der viel befahrenen Piste ebenso wie in der abgelegenen Steppe. Gegrüßt wird in Burkina immer und immer herzlich. So viele Hände wie ich sie in Burkina zum Gruß angeboten bekam, so viele Hände hatte ich zuvor noch nie geschüttelt. Aber der größte Unterschied zu uns Europäern liegt wohl in der offenen Herzlichkeit der Menschen. Neid und Missgunst sind für die Burkiner Fremdwörter. Erhält ein Kind in der Gruppe ein tolles Geschenk, geht es zu den anderen Kinder hin, um Ihnen das Geschenk zu zeigen. Die anderen Kinder freuen sich mit dem beschenkten Kind. Keine neidischen Blicke, keine Enttäuschung, kein Egoismus, sondern nur Freude innerhalb der ganzen Gruppe ist erkennbar. In Deutschland betrachten wir viele Dinge eher von der negativen Seite und sind weltmeisterlich im Jammern, Zweifeln, Lästern, Kritik üben. In Afrika werden die positiven Dinge hervor gehoben. Ich hatte die Gelegenheit ein Fußballspiel in Piéla, nebst Hunderten anderen, zu verfolgen. Erstaunlich war für mich, dass selbst bei zweifelhaften Entscheidungen vom Schiedsrichter kein Zuschauer zu meckern beginnt. Witzig dagegen fand ich das die Zuschauer beim erzielten Tor auf den Platz liefen, um sich gemeinsam zu freuen. Beim Elfmeter lief die halbe Zuschauermenge hinter das Tor, um den Elfer aus der Nähe zu sehen. Die Zuschauer bewegen sich quasi mehr als so mancher Kreisligakicker in der Eifel.  

Natürlich gab es auch nachdenkliche Momente. Erwähnen möchte ich hier insbesondere der Besuch der Krankenstation in Piéla. Medikamente können viele Menschen nicht bezahlen, viele Medikamente sind nicht erhältlich. Die Zustände, die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung sind hier denkbar schlecht. Werner versprach der Krankenstation sich um Hilfe zu bemühen, insbes. bei der Beschaffung von Impfstoffen, die längst und in großer Stückzahl benötigt werden, um der aktuellen Meningitis-Epidemie entgegen zu wirken. Nachdenklich wurden wir auch, als wir die z. T. schweren Verletzungen der Kinder sahen, denen wir nicht mehr helfen konnten und deren Eltern kein Geld für ärztliche Behandlungen haben. In einigen Fällen haben wir ausgeholfen, den meisten allerdings konnten wir aus finanzieller Sicht jedoch nicht helfen.   

Hektik und Stress sind die Menschen in Westafrika freilich nicht gewöhnt. Es wird sehr viel Zeit gemeinsam verbracht. Anliegen der Mitmenschen werden interessiert wahrgenommen und den eigenen oftmals vorangestellt. Die Menschen sind untereinander und natürlich auch zu uns so aufgeschlossen und herzlich, dass es irrsinnig viel Spaß bereitet hat, die 31 Tage mit Ihnen zu verleben. Besonders unsere ständigen Begleiter Lehrer Cesar, Mechaniker Timothy und unser Schneider Mathias sind sehr gute Freunde von mir geworden, deren ehrliche, herzliche und unkomplizierte Art ich sehr schätze.  

Natürlich hatten wir auch sehr viel Spaß in Burkina Faso und besonders mit den Burkinern. Die Menschen – ob arm oder reich – lachen gerne und oft. Und uns erging es genauso. Aber auch wir drei harmonierten sehr gut, was für einen erfolgreichen Arbeitsbesuch sehr wichtig ist. Ob bei der körperlichen Arbeit (z.b. Einfassung eines Gartenversuchsfeldes), bei den alltäglichen Dingen (wie Kochen und Spülen), unterwegs oder beim Feierabend genießen waren wir stets ein hervorragendes Team. 

In Burkina Faso gibt es wohl kaum ein Tag ohne Tanz, Trommel und Musik. In unserem „afrikanischem“ Zuhause bei Cesar sind ständig viele Kinder versammelt, die immer wieder spontan anfangen in einer Gruppe zu tanzen und zu singen und dabei sehr viel Freude und Zufriedenheit ausstrahlen. Die Trommelmusik geht – zumeist gepaart mit Tiergeräuschen von Esel und Hahn – die ganze Nacht durch. Mehrmals wachen wir dadurch auf, woran man sich allerdings schnell gewöhnt. Ebenso die Hitze. Fast jeden Tag sind es über 40, manchmal auch über 50 °C im Schatten. Aufgrund der geringeren Luftfeuchte und da man sich der Witterung nur schwerlich entziehen kann, gewöhnt man sich sehr schnell an diese neuen Lebensbedingungen. Viele Entbehrungen, die wir in Burkina Faso hatten, wurden uns bei der Rückkehr erst bewusst. Man kann quasi sagen, wir haben auf viele Dinge verzichtet ohne das sie uns fehlten. Dies ist allerdings für mich auch nur deshalb zutreffend, weil Dagmar, meine Verlobte, gemeinsam mit mir diese tolle Zeit in Afrika verbrachte. Die gewonnenen Erfahrungen, die erlebten Eindrücke, die Mentalitäten und die Menschen, die ich kennen lernen durfte, das Land, unser gemeinsamer Aufenthalt, die Kinder und die Herzlichkeit und vieles, vieles mehr möchte ich nicht mehr missen erlebt zu haben.

Danke Piéla.